„Verstehst du denn nicht, dass sie uns umbringen wollen?“

Sep 1, 2016 | 0 Kommentare

Ich bin eine Mutter von sechs Kindern.

Da ich keine offizielle Aufgabe in unserem Kibbuz habe, schreibe ich als Mutter von sechs Kindern – aufgewachsen in Saad – und als Dozent der „ShaarHanegev“ Schule, eine Art Realschule, die von Schülern aus dem Kibbuz in unserer Umgebung besucht wird.
Für uns begann der Krieg vor 14 Jahren, als die ersten Raketen fielen. Dies bedeutet, dass die meisten Schüler unserer Schule in einem Kriegszustand aufgewachsen sind oder in der Zeit noch sehr jung waren, sodass sie eigentlich nicht mehr wissen, was es bedeutet ohne die Bedrohung zu leben.
Vor ca. vier Jahren ließ…

Vor ca. vier Jahren ließ die Regierung für jedes Haus in Saad einen Schutzbunker bauen, wodurch wir uns sicherer fühlten. Vor dieser Zeit hatten wir uns mit unseren Kindern auf den Boden gelegt und gebetet.

Aus Erfahrung beschloss ich diesmal, den Zeitpunkt unser Haus zu verlassen, so lang wie möglich hinaus zu schieben, denn es dauert meistens länger als erwartet. Und so war es diesmal auch!
Mein vierzehnjähriger Sohn bat mich jedoch inständig zu gehen. „Verstehst du denn nicht, dass sie uns umbringen wollen?“ Also brachen wir auf, unsere drei Kinder und ich. Mein Mann und unser sechszehn jähriger Sohn beschlossen zu bleiben, um zu arbeiten, für diejenige vom Kibbuz einzutreten, die mit ihren Familien mitgehen mussten oder für diejenige in die Bresche zu springen, die durch das Militär aufgerufen waren zum Dienst. (Wehrpflicht)

Die Tage vor unserem Aufbruch waren sehr stressig: In Sa’ad stationierten sich verschiedene Militäreinheiten. Die Wege und Straßen um uns herum waren voller Lkws und Panzer und überall gab es nur Staub. Bei den zentralen Gebäuden, die hohe Fenster hatten, wurden hohe Betonmauern aufgestellt, um uns gegen die Raketen zu schützen. Wir mussten binnen 15 Sekunden einen Schutzkeller erreichen können – das war für uns nichts Neues -, deshalb hatten wir immer noch nicht das Gefühl, dass es Zeit war aufzubrechen. Wenn kein Sirenenalarm ertönt, ist
Sa’ad ein ruhiger Ort. Es dauerte also, bis wir uns realisierten, dass der Krieg wirklich ausgebrochen war.

Unsere Kinder gingen zu ihren Beschäftigungen, wohlwissend, dass sie immer in der Nähe der Schutzkeller bleiben mussten und wir lebten unser Leben weiter.

Dann heulten die Sirenen immer öfters, der Gebrauch des Schwimmbades war zu gefährlich, Kinder durften nicht mehr alleine rumlaufen und unser Kibbuz wurde mehr und mehr eine militärische Basis wie unser zu Hause. Der Geräuschpegel wurde lauter und der Staub dicker. Wir konnten die Klimaanlage nicht mehr benutzen und taten so, als ob wir das Bombardementum uns herum nicht hörten. Normalerweise wurde der meiste Krach durch die Helikopter und Bombenflugzeuge der israelischen Armee verursacht; höher in der Luft oder direkt über unseren Dächern ausschauend auf den Gazastreifen.

Zum ersten Mal fragte das Militär uns, Sa’ad zu verlassen. Die Menschen suchten jetzt eine Bleibe, nicht wissend, wie lange es dauern würde, bevor sie wieder nach Hause konnten. Wir gingen von Sa’ad zu dem Haus meiner Eltern (sie waren in Urlaub, somit hatten wir das ganze Haus für uns.) Wir versicherten meiner jüngsten Tochter Cana, die auf Entdeckungstour nach dem Schutzkeller ging und wie wir unsere Betten in den Keller bekamen, dass wir jetzt an einem sicheren Ort waren. Wir legten unsere Matratzen auf den Boden. Da entdeckte sie, dass es dort keine abschließbaren Türen gab. Ich tat mein Bestes, um ihr zu erklären, dass wir jetzt weit vom Krieg entfernt waren und dass uns keine Gefahr drohte. Ich glaubte nicht, dass sie meinen Worten Glauben schenkte. In derselben Nacht hörten wir die Sirenen in Modiin. Wir waren nicht an dem Klang dieser Sirene gewöhnt, dieser jammernde Ton. Unsere Sirene klang viel schöner. Es ist eine beruhigende Frauenstimmte, die sagt: „Tzeva adom“, was bedeutet „roter Code“.

Der Krieg begann ein kurz nach dem Begin der Sommerferien. Wir erstellten eine Whatsapp-Gruppe mit unseren Schülern. Sie fanden es schön, mit zu teilen, womit sie beschäftigt waren. Eine unserer Schülerinnen wurde zu einer Fernsehsendung eingeladen, nachdem sie Premierminister Benjamin Netanyahu einen Brief geschrieben hatte. Ihr Auftreten war toll und wir waren alle aufgeregt, als wir sie im Fernsehen sahen. Sie kommt aus Sederot und hatte mit zwei ihrer Freundinnen beschlossen, ihn wissen zu lassen, dass sie das ganze Bombardement gründlich satt waren.

Ein paar Tage später entdeckte das Militär einen Tunnel dicht bei Nir-Am (800 Meter von der Grenze entfernt)Und wieder kam eine unserer Schülerinnen, die mit ihrer Familie zu Hause war, ins Fernseh. Sie machte großen Eindruck und wir saßen konstant vor dem Fernseher oder waren am Whatsappen, um ja alle Bilder zu folgen. Dies gab uns das Gefühl, wichtig und besonders zu sein.

Ein paar Tage später wurde wieder ein Tunnel entdeckt in Nativ – Ha’asara. (Nativ Ha’asara liegt 100 Meter von der Grenze entfernt). Vier unserer Schüler wohnen dort. Dies war der längst Tunnel, der gefunden wurde. Die meisten „Moshav“ (Dorf-) bewohner  waren schon weggezogen. Einer unserer Schüler machte einen bereits geplanten Urlaub im Ausland. Zwei weitere Schüler sind Schwimmer. Sie konnten unser Schwimmbad nicht mehr benutzen. Deshalb waren sie zum Wingate Institut und an einen anderen Ort verzogen, wo sie schwimmen konnten. Einer von ihnen schrieb, dass die Sirenen mit ihm gingen, wo er auch sei. Der vierte Schüler blieb zu Hause. Seine Eltern haben einen Gemüseladen in dem „Moshav“. Sie hatte solche Angst. Den ganzen Tag verbrachte sie im Schutzkeller, lauschend auf die Geräusche des Krieges, die von draußen kamen. Nach einigen Tagen zog sie zu ihren Großeltern nach Sederot, um dort in deren Schutzkeller zu sitzen. Nach einiger Zeit zogen auch ihre Eltern, mitsamt der ganzen Familie, weg nach Spanien (außer ihren Bruder, der beim Militär seinen Dienst tat).

Die Dozenten und die meisten Schüler versuchten mittels Whatsapp auf dem Laufenden zu bleiben, wo jeder war, was sie taten und ob jemand Hilfe benötigte. Sie waren über das ganze Land und über die ganze Welt verstreut. Wir telefonierten mit denjenigen, die sich nicht unserer Whatsapp Gruppe angeschlossen hatten. Sie hielten wir den ganzen Sommer über Kontakt. Als Mutter erhielt ich auch Anrufe von Dozenten meiner Kinder.

Die Tunnel bildeten eine neue Bedrohung, aber was noch schlimmer war, war die neue Erfahrung machen zu müssen, dass mittels offizieller Kanäle gesagt wurde, dass es sicher genug sei, um nach Hause zu gehen, um dann zu entdecken, dass wenn man auch alle Regeln einhält, man nicht sicher ist. Daniel Trigerman (vier Jahre alt) wurde zu Hause ermordet, derweil seine Eltern bei ihm waren. Zwei Bewohner von Kibbuz Nirim wurden getötet, als sie versuchten die Elektrizität zu reparieren. Sie verrichteten ihre Arbeit, ohne zu wissen, dass es vielleicht innerhalb einer Stunde zu einem Waffenstillstand kommen würde.
In den ersten Tagen unserer Rückkehr waren wir mit dem Hausputz und dem Neuorganisieren beschäftigt. Während unserer Abwesenheit, hatten die Familienmitglieder, die zu Hause geblieben waren, die Wäsche für die Soldaten gemacht, gekocht und gebacken und gesellige Treffen in unserem Hause abgehalten. Jetzt war es an der Zeit zum Alltag zurück zu kehren.

Bis zum Anfang des neuen Schuljahres konnten wir uns nicht vorstellen, überhaupt wieder zur Schule gehen zu können, außer in unserer ersten Ferienwoche. Wir waren alle ausgepowert. Das Gefühl, dass etwas vom Himmel fällt oder etwas aus dem Boden kriecht, ist so aufreibend. Wir gingen zu den Feldern, wo die Panzer während des Kriegesparkten. Die Erde sah aus wie Puder. Wir rannten hinüber und spielten. Das Puder, so hoch wie unsere Knie und selbst höher in den Augen unserer Kinder. Wir nahmen Puder mit, um Spielzeug zu bauen und Skulpturen, um damit zu spielen und zu dekorieren.

Die Schule fängt wieder an. Es ist kein gewöhnliches Jahr, aber vielleicht gelingt es den Dozenten, um auf eine andere Art und Weise auf das zu hören, was unsere Schüler zu erzählen haben. Diese Woche unterrichtete ich die siebte Klasse über einen neuen Anfang. Ich schrieb an die Tafel, dass ein neuer Anfang uns helfen kann, unsere Lebensziele klar zu formulieren. Ich fragte die Schüler nach einem Beispiel. Die erste sprach über einen Neubeginn auf einer anderen Schule. Ein Schüler kann dann neu entscheiden, wer seine Freunde werden sollen, neue Lernmethoden kennen lernen usw. . Ein anderer Schüler sprach über ein neues Jahr als ein Zeitpunkt darüber nachzudenken, sein Leben besser in den Griff zu bekommen und ein dritter Schüler sagte, dass es genau so sei wie nach einem Krieg: Familien, die einen Geliebten verloren haben, müssen überlegen, wie sie weiter leben wollen. Menschen, die weg gezogen sind, müssen einen Neuanfang machen usw. .
In drei Tagen ist es RoshHashana (jüdisches Neujahr). Ein paar meiner Freunde und Schüler werden ins Ausland gehen. Normalerweise sind unsere Eltern bei uns während des Festes. Dieses Jahr ist es nicht sicher genug, um jemand einzuladen, um hier zu verweilen. Deshalb werden wir sie nicht einladen. Wir wissen immer noch nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Wir haben beschlossen in Sa’ad zu bleiben, weil wir eine große Familie haben. Und sollte es nicht mehr erträglich sein, werden wir selbst zu RoshHashana von hier weg gehen.

Wenn es zu einem neuen Vertrag zwischen Israel und den Palästinensern kommt, wird es für uns einfacher werden, dann keimt neue Hoffnung auf. Wenn es zu keinem Vertrag kommt, werden wir einen anderen Weg finden müssen, um neue Hoffnung zu finden.

Ayelet  Drori

21. September 2014